Mehr Selbstbestimmung für Wohnungslose
Wohnungslosigkeit ist eine der sichtbarsten Formen von Armut. Sie bedeutet nicht nur den Verlust eines Zuhauses, sondern auch den Verlust von Sicherheit und Perspektive. Mit Housing First verfolgt Rheinland-Pfalz seit 2023 einen neuen Ansatz in der Wohnungslosenhilfe. Im Mittelpunkt steht dabei eine einfache, aber wirksame Idee: Erst die Wohnung, dann weitere Unterstützung.
Warum haben wir Housing First nach Rheinland-Pfalz gebracht?
Das bisherige Hilfesystem erreicht gerade langzeitwohnungslose Menschen oft nicht mehr. Viele scheitern mehrfach an bestehenden Angeboten – sei es aufgrund von Suchtproblemen, Überschuldung, psychischen Erkrankungen oder langer Arbeitslosigkeit. Für diese Menschen sind Übergangswohnheime oder mehrstufige Programme häufig zu hohe Hürden.
Mit Housing First wurde ein Ansatz nach Rheinland-Pfalz geholt, der die bisherigen Regeln umkehrt. Er setzt nicht bei Bedingungen an, die Betroffene erst erfüllen müssen, sondern gibt ihnen sofort eine eigene Wohnung. Diese Stabilität ist die Grundlage dafür, dass andere Hilfen greifen können. Housing First eröffnet damit Menschen, die lange Zeit ohne Perspektive waren, eine reale Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.
Wie funktioniert Housing First in der Praxis?
In Rheinland-Pfalz starteten 2023 die ersten Modellprojekte in Landau, Koblenz und im Westerwaldkreis. Ende 2024 kamen weitere Projekte in Zweibrücken und Neuwied hinzu.
Die Grundidee ist stets gleich: Wohnungslosen Menschen wird ohne Vorbedingungen eigener Wohnraum vermittelt. Dieser unterscheidet sich klar von Notunterkünften, da er ein dauerhaftes, eigenes Zuhause bietet.
Parallel dazu gibt es eine intensive, aber freiwillige sozialpädagogische Begleitung. Sie unterstützt bei gesundheitlichen Fragen, beim Aufbau einer Tagesstruktur oder in Konflikten mit Vermietern. Finanziert werden Personalstellen für Betreuung und Wohnraumakquise, die sich an europäischen Housing-First-Standards orientieren. Kommunen und freie Träger arbeiten dabei eng mit dem Land zusammen, um Wohnraum zu gewinnen und die Teilnehmenden dauerhaft zu stabilisieren.
Was haben wir bisher erreicht?
Die bisherigen Erfahrungen sind ermutigend:
- Seit 2023 konnten in Rheinland-Pfalz 63 Menschen durch Housing First in Wohnungen vermittelt werden.
- Rund 80 Prozent von ihnen konnten ihren Wohnraum zum jeweiligen Berichtszeitpunkt sichern.
- Auch in anderen Lebensbereichen zeigen sich positive Effekte: Viele Teilnehmende konnten gesundheitliche Probleme besser in den Griff bekommen, eine regelmäßige Tagesstruktur entwickeln und erste Schritte in Richtung Selbstständigkeit gehen.
Damit ist Housing First zu einem wichtigen Instrument geworden, um Wohnungslosigkeit wirksam und nachhaltig zu bekämpfen. Es zeigt, dass der unmittelbare Zugang zu Wohnraum nicht das Ende, sondern der Beginn eines erfolgreichen Integrationsprozesses sein kann.
Was sagt die Wissenschaft zu Housing First?
Housing First gilt international als der am besten untersuchte Ansatz der Wohnungslosenhilfe. Studien aus den USA, Finnland und Deutschland zeigen übereinstimmend:
- Wohnstabilität: Über 80 bis 90 Prozent der Teilnehmenden behalten ihre Wohnung langfristig.
- Gesundheit und Teilhabe: Viele Betroffene stabilisieren ihre psychische und körperliche Gesundheit, reduzieren den Suchtmittelkonsum und bauen neue soziale Kontakte auf.
- Paradigmenwechsel: Housing First beendet das Prinzip „Erst Therapie, dann Wohnung“. Stattdessen beginnt der Hilfeprozess mit einer Wohnung – und schafft so erst die Grundlage für weitere Unterstützung.
- Menschenrecht auf Wohnen: Wohnen wird nicht als Belohnung verstanden, sondern als Grundrecht, das nicht an Vorbedingungen geknüpft werden darf.
Der Bundesverband Housing First stellt zudem Handlungsleitfäden, Umsetzbarkeitsstudien und Evaluationsberichte bereit.
Was sagen die Sozialverbände?
Auch die Sozialverbände und freien Träger in Rheinland-Pfalz bewerten die bisherigen Projekte positiv. Vertreterinnen und Vertreter von Caritas, Diakonie und anderen Initiativen betonen:
- Housing First erreicht Menschen, die durch klassische Hilfen kaum noch erreicht werden.
- Die Nachfrage ist hoch – in Neuwied etwa stehen aktuell über 50 Menschen auf der Warteliste.
- Um den Ansatz weiter auszurollen, braucht es eine dauerhafte Finanzierung und genügend Wohnraum.
Die dpa hat mit verschiedenen Stakeholdern zum Thema gesprochen. Die Rheinpfalz hat den Text online veröffentlicht.
Weitere Informationen
Mehr Details finden Sie in der Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage unseres sozialpolitischen Sprechers Steven Wink, der Housing First nach Rheinland-Pfalz gebracht und im Landeshaushalt verankert hat.